Steuer, Schicksal, Stumpfsinn

Michael Schumacher. Uli Hoeneß. Über beide Männer wurde in den letzten Monaten so viel geschrieben, dass meine Meinung dazu in der Öffentlichkeit ungefähr so überflüssig ist, wie sonst nur etwas. Trotzdem…

Michael Schumacher wurde jahrelang in Deutschland von seinen Kritikern Neidern als Steuerflüchtling beschimpft. Dabei hat er lediglich seinen Wohnort verlegt und damit eine völlig legale Möglichkeit genutzt, abseits von schwierigen Steuergesetzen in Ruhe zu leben. In einer Gegend, in der es nicht auffällig ist, wenn jemand reich ist. Wo er niemandem seinem verdienten Wohlstand unter die Nase rieb. Und wo er nicht mit einem Bein im Gefängnis stand, weil die Gesetze so kompliziert sind, dass sogar Fachmänner einen verhängnisvollen Fehler machen können.
Ich bin kein Fachmann, aber ich ließ es mir glaubhaft versichern, in Deutschland würde es ein gewisses Risiko diesbezüglich geben.

Michael Schumacher spendete Geld. Sicherlich auch mal kleine Summen, aber eben auch die ganz großen Schecks wurden unterschrieben. Eine halbe Million Euro für Flutopfer. Über eine Million Euro für Kinder in Not.
Man könnte meinen, er wolle sich nicht davor drücken, seinen Beitrag zu leisten, sondern lieber selbst entscheiden, wohin dieses Geld gehen sollte.

Der Ehemann und Vater Michael Schumacher kämpft seit Monaten um sein Leben. Für diesen schrecklichen Mob im Internet kein Grund einfach mal den Mund zu halten. Sie vergleichen es mit einem Nachbarn, der ebenfalls krank oder verstorben ist, worüber aber keine Zeitung berichtet. Schumacher verdient viel Geld, ist ein Steuerflüchtling, Schumacher mogelt, Schumacher hat im Kampf um sein Leben nicht diese Medienpräsenz verdient. Was für eine abartige Einstellung, die manche Menschen haben.
Natürlich kämpfen täglich Menschen mit einem schlimmen Schicksal. Aber ich habe zu diesen Menschen keine emotionale Bindung. Und wenn ich sie habe, dann haben die anderen Millionen Menschen, die diese Nachrichten schauen, diese Bindung nicht. Es ist also ein völlig natürlicher Vorgang, dass über das Schicksal einer bekannten Persönlichkeit berichtet wird, über Lieschen Müller aus Etage 3 aber nicht.

Auch Uli Hoeneß hat so seine Probleme mit der Steuer. Er hat sich über Jahrzehnte als ein durch und durch korrekten und sauberen Menschen dargestellt. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit den mahnenden Zeigefinger in die Luft gestreckt und in Wirklichkeit fast 30 Millionen Euro (man verliert langsam den Überblick, der Betrag verzehnfachte sich fast an 2 Prozesstagen) Steuer hinterzogen.

Mir ist inzwischen egal, ob ich 20, 50 oder 100 Prozent Steuern zahle. Mir geht es um die kleinen Leute.
Uli Hoeneß, 2002 in der “Abendzeitung”

Leider unterscheidet Deutschland nicht. Nicht zwischen einem legalen Weg seinen Wohnsitz ins Ausland zu verlegen. Nicht zwischen einer weltweit berühmten Persönlichkeit und Lieschen Müller. Und in diesem Fall auch nicht zwischen dem Verein FC Bayern München und dem semi-privaten Geschäftsmann Uli Hoeneß.

Ob, wann und für wie lange Uli Hoeneß ins Gefängnis muss, entscheidet der Richter. Das ist auch gut so.
Von vielen Fussball-Fans würde das Urteil wohl gefeiert werden, als wäre der FC Bayern München gerade in die zweite Liga abgestiegen. Es wird lange Zeit das einzige Licht am Ende des sportlichen Tunnels sein, in dem der solide wirtschaftende Verein auch auf dem Rasen national alles dominiert. Quasi ein Aufgeiler. “Wir haben zwar verloren, aber unser Präsident sitzt wenigstens nicht im Knast!”.

Ich möchte nicht irgendwann einmal so enden. So verbittert, dass ich mich nicht mehr mit einem Landsmann über dessen sportlichen Erfolge freuen kann. Oder so gefühlsarm, dass ich es ihm missgönne, wenn über sein Schicksal berichtet wird.
Auch nicht so am Boden, dass mich nur noch Niederlagen und Randgeschichten des konkurrierenden Fussball-Vereins zum feiern bringen können.
Ich möchte nicht in einem solchen Stumpfsinn enden.

PS.: #GetWellSoon, Michael Schumacher!

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