Lieber Holger Badstuber…,

Holger Badstuber Schrecksekunde am Boden gegen VFB Stuttgart

…unabhängig von der Farbe des Trikots haben sich die allermeisten Fussball-Fans in Deutschland in den letzten Wochen für Sie gefreut. Nach 629 Tagen, so schrieben die Sportblätter der Nation, sei ein kleines Wunder geschehen und unsere “Nummer 28” streifte sich wieder das Trikot über. Sie standen wieder auf dem Platz. Sie bestritten ein Spiel in der ersten Bundesliga.

Hinter Ihnen lagen schwere Tage, Wochen, Monate. Eine unendlich lange Zeit für einen Profisportler. Existensängste, Hoffnung, Kampfgeist. Qualität kommt von Qual. Sie haben enorme Qualität bewiesen.
Als die Kollegen in der legendären Triple-Saison die Titel und Rekorde sammelten, mussten Sie notgedrungen zuschauen. Trotzdem Ihre Mitspieler immer und immer wieder durch kleine Gesten zeigten, dass sie im Geiste bei Ihnen sind, kämpften sie Ihren eigenen Kampf.
Die deutsche Nationalmannschaft triumphierte nach 24 Jahren endlich wieder einmal im WM-Finale. Ohne die Verletzung würde man auch Sie sehr wahrscheinlich nun “Weltmeister” nennen dürfen.
Doch statt des Pokals in Brasilien stemmten Sie Gewichte im Fitness-Raum, um es allen zu zeigen, die daran zweifelten, dass Holger Badstuber wieder zu alter Stärke finden würde.

Sie haben es geschafft. Sie standen wieder auf dem Platz. Sie haben die Erwartungen der “Experten” übertroffen. Vielleicht haben Sie sogar Ihren eigenen Erwartungen übertroffen. Ich bin mir sicher, Sie fühlten sich gut. Und ich kann Ihnen versichern, auch aus meiner bescheidenen Sicht vor dem TV-Gerät, fühlte es sich gut an, Sie wieder spielen zu sehen.

Symbolbild Holger Badstuber Fussballschuhe dreckigGestern, am 13. September 2014, am 3. Spieltag der jungen Saison, passierte es. Eine Schrecksekunde. Sie lagen am Boden. Die medizinischen Betreuer um sie herum. Das Spiel war für Sie gelaufen und vielleicht dachten wir das Gleiche: “Oh nein, nicht schon wieder!?”.

Heute melden die Medien, unsere Hoffnung hat sich zerschlagen. Ein Muskelsehnenriss im linken Oberschenkel, Sie müssen operiert werden.

Es ist wirklich tragisch, aber Sie haben auch Glück. Der Verein macht keine Angaben über die Dauer des Ausfalls. Für mich ein Zeichen dafür, dass man Ihnen keinen Druck macht und Sie sich vollkommen auf die Genesung konzentrieren können. Zudem stehen Ihnen die wahrscheinlich besten Mediziner und Therapeuten zur Seite, die man sich in einem solchen Fall nur wünschen kann.
Es mag nur ein kleiner Trost sein, aber stellen Sie sich mal vor, Sie wären Maurer. Sie wären schon lange arbeitslos. Und anstelle der Behandlung durch die “Halbgötter in Weiß”, würden Sie im Vorzimmer eines Provinzdoktors sitzen. Stundenlang. Sie würden in sieben Monate alten “SportBILD”-Ausgaben blättern. Nachbarn würden hinter Ihrem Rücken darüber spekulieren, ob Sie vielleicht nur simulieren und mit 25 schon “auf Frührentner machen wollen”.
Nicht wenige Menschen vereinsamen in dieser Zeit. Sie haben weder die Motivation, noch die finanziellen Mittel um ihre unfreiwillige Freizeit zu nutzen. Freunde wenden sich ab, sie werden vom Partner verlassen. Sie warten auf den Tag, an dem sie wieder bei der “Agentur für Arbeit” vorstellig werden können – nur um dort wie ein “arbeitsscheuer Asozialer” angeschaut zu werden und sich der alltäglichen Behördenwillkür auszusetzen.
Holger Badstuber, was Ihnen passiert ist, ist Scheiße. Entschuldigen Sie meine direkte Wortwahl, aber so ist es doch. Ich kann Ihnen aber garantieren: für alles Schlimme was einem passiert, gibt es noch eine Steigerung, etwas Schlimmeres.
Ja, es gibt auch noch die Menschen, die einem auf dem Sterbebett erzählen, sie hätten einen schlechteren Tag gehabt. Aber das liegt mir fern. Vielmehr würde ich es schätzen, wenn Sie nun den Kopf nicht hängen lassen und es Ihnen bewusst wird, dass Sie zwar im Regen stehen, aber immerhin nicht unter einer Traufe.
Sie haben ja schon zu Protokoll gegeben, dass Sie es ja jetzt wissen, wie man sich zurückkämpft. Richtig, Sie haben die Erfahrung gemacht. Was Sie einmal geschafft haben, schaffen Sie auch ein zweites mal. Und auch dann werde ich wieder vor dem Fernseher aufstehen und Ihnen applaudieren, während sie das Spielfeld betreten. Sie werden es nicht sehen, es nicht mitbekommen. Aber sollten Sie aus irgendwelchen Gründen meine Zeilen lesen, denken Sie daran, wenn Sie wieder spielen werden: irgendwo da auf der anderen Seite der vielen Kameras, steht irgendeiner vor dem TV für Sie auf. Und er stört sich nicht daran, dass die Nachbarn es vielleicht durch die Fenster sehen und denken könnten: “…was macht der Trottel denn da schon wieder?!?”.

In diesem Sinne, gute Besserung… und auf ein baldiges Wiedersehen “im Spiel”.

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