Weg mit der "Auswärtstor-Regel"

Jetzt spinnen sie völlig, die Bayern-Fans. Kaum verlieren sie aufgrund der Auswärtstor-Regel, wollen sie das gesamte Spiel verändern.
Aber so ist es nicht. Das gestrige Spiel ist lediglich ein Anlass dafür, noch einmal über eine Regel zu sprechen, die es so eigentlich gar nicht mehr geben sollte. Und wie das so ist: wenn etwas aufgrund aktueller Ereignisse in den Köpfen der Menschen ist, kann man es leichter zum Thema machen.

Was ist die „Auswärtstor-Regel“?
In einigen Wettbewerben, in abgewandelter Form übrigens auch im Handball, gibt es diese Regel und sie wird aktiv angewendet. Sie besagt, dass bei einem Hin- und Rückspiel, wie beispielsweise in der K.O.-Runde der Champions League, die auswärts erzielten Tore in bestimmten Situationen mehr zählen.
Diese Situation ist gegeben, wenn das Ergebnis aus Hin- und Rückspiel unentschieden ist. In diesem Fall gewinnt das Team mit den meisten Auswärtstoren.123

Bis 1965 wurde in einem solchen Fall u.a. per Los oder Münzwurf entschieden, wer in die nächste Runde einzieht. Zudem waren die Anreisen für Gast-Mannschaften häufig strapaziös, die Plätze waren nicht genormt und man wollte einen potentiellen Nachteil ausgleichen. Auf diese Weise wollte man auch verhindern, dass die Gast-Mannschaften aufgrund der Müdigkeit lieber defensiv, oder gar konstruktiv, agieren würden.

Die Gründe für die „Auswärtstor-Regel“ sind in der heutigen Zeit nicht mehr gegeben!
Profi-Mannschaften reisen in der Regel 1. Klasse mit Flugzeugen an, werden in Luxus-Bussen zum besten Hotel der Stadt gefahren und von den Reisestrapazen früherer Zeiten ist man weit entfern.
Die Spielfelder sind mittlerweile genormt und wenn man sich mal beschwert, dann darüber, welcher ph-Wert das Wasser zum bewässern des Rasens hatte – im übertriebenen Sinne.

Wie – man möge es entschuldigen – schwachsinnig die „Auswärtstor-Regel“ ist, kann man an vielen Punkten festmachen. Zum einem haben wir oben die ursprünglichen Beweggründe, die schon seit Jahren hinfällig sind.
Zudem haben Studien und Untersuchungen belegt, dass in den letzten 20 Jahren im europäischen Wettbewerb nur noch 46% der Heimspiele vom Gastgeber gewonnen werden. Der „Heimvorteil“, der ursprünglich ausgeglichen werden sollte, ist schlichtweg nicht mehr existent.
Wie willkürlich diese Regel auch sein kann, konnte man 2003 im Halbfinale der Champions League erleben. Dort spielte Inter Mailand gegen AC Mailand. Beide Teams stammen nicht nur aus der gleichen Stadt, sie waren auch im gleichen Stadion beheimatet. Allein die Auslosung der UEFA entschied, welche Mannschaft im ersten und welche Mannschaft im zweiten Spiel das „Heimrecht“ haben sollte.
Das 1. Spiel endete mit 0:0. Das 2. Spiel, es wurde als Heimspiel für den AC Mailand angesehen, endete 1:1. Der damalige Sieger, der im Prinzip, wie sein Gegner auch, zwei Heimspiele hatte, konnte seinen Konkurrenten nicht besiegen, stand aber trotzdem im Finale der Champions League.

Torlinien-Technik, Video-Beweis – potentielle Regeländerungen werden immer gern diskutiert. Bei der „Auswärtstor-Regel“ hält es sich aber in Grenzen und alle nehmen es als gegeben hin. Eigentlich ein Phänomen, denn es gibt durchaus namenhafte Personen im Fussball, die diesen Unsinn schon zum Thema machten.
Da hätten wir beispielsweise Arsene Wenger im Jahre 2008, der beklagte: „…das taktische Gewicht der Auswärtstor-Regel ist zu wichtig geworden. Sie hat den gegenteiligen Effekt, als sie zu ihrer Einführung haben sollte.“.
2014 wollte der damalige FIFA-Präsident Sepp Blatter eine Regeländerung anstreben, da er eben erkannt hat, dass diese nicht mehr zeitgemäß war. Sein Vorschlag, die Auswärtstor-Regel solle nur noch für die reguläre Spielzeit gelten und in der Verlängerung hinfällig werden, war allerdings halbherzig. Man kann nicht feststellen, dass eine Regeländerung von 1965 sich längst überlebt hat und mittlerweile kontraproduktiv wurde, aber sie nur „so ein bisschen“ abschaffen…

Der Fussball darf nicht in einer Selbstgefälligkeit verfallen, die den Fortschritt ausblendet. Über Torlinien-Technik, Freistoß-Spray und Video-Beweis darf man gern diskutieren – aber mit der Auswärtstor-Regel, die im Prinzip nicht das traditionelle Spiel verändern würde, sollte man unbürokratisch und schnell auf die Gegebenheiten eingehen. Und da kann es nur heißen, dass diese Regel abgeschafft werden muss. Tor ist Tor. Ende. Punkt. Und Schlusspfiff.

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